Geschichte der Anästhesiologie und Schmerztherapie

Seit 2007 sind mit historiographischer Methodik zwei Forschungsprojekte realisiert worden. Dabei handelte es sich zum einen um ein medizinhistorisches Projekt zur Infektiologie, zum anderen um ein Thema, das der historischen Grundlagenforschung der Anästhesiologie zuzurechnen ist. In beiden Fällen bestand eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichte der Medizin der Charité (Prof. Volker Hess).

 

In den Jahren 2007 bis 2012 sind die Grippe-Pandemien des 20. Jahrhunderts (1918-20, 1957/58, 1968-70, außerdem die „Schweinegrippe“-Affäre 1976) unter der Fragestellung untersucht worden, welchen Stellenwert die Grippeschutzimpfung in Deutschland einnahm. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im internationalen Kontext wurden herausgearbeitet. Der jeweilige Expertendiskurs wurde mit zeitgenössischen öffentlichen Reaktionen auf pandemische Szenarien kontrastiert.

 

In den Jahren 2009 bis 2014 wurde ausgehend vom Konzept der „translational medicine“ die Geschichte der Schmerztherapie historiographisch erörtert. Im Zentrum stand die Begründungsphase der Therapie chronischer Schmerzen in Deutschland in den Jahren 1945 bis 1990 (Bundesrepublik und DDR). Die daraus hervorgegangene Studie orientierte sich am Konzept der „translational medicine“. Translationale Medizin operiert gemäß der Leitvorstellung der Übertragung naturwissenschaftlich gewonnener Erkenntnisse auf die medizinische Praxis. Der Begriff der translationalen Medizin wurde für die Zwecke der historiographischen Erörterung erweitert und unter drei Aspekten analysiert: die transnationale Übertragung, die Translation als wissenschaftliche Übertragung und die kulturalistische Translation. Bei den transnationalen Einflüssen stand insbesondere die sogenannte „Amerikanisierung“ im Mittelpunkt. Die wissenschaftliche Translation hingegen themastierte nicht nur die klinische Entwicklung grundlagenwissenschaftlicher Ansätze, sondern auch diejenige erfahrungsheilkundlicher Zugangswege. Es zeigte sich, dass die Überzeugung, biokybernetische Steuerungsprozesse seien maßgeblich für die Ausbildung und Therapie des chronischen Schmerzes, seit den 1950er Jahren ausgebildet wurde. Schließlich wurde die kulturalistische Translation untersucht, d.h. Denktraditionen und Strömungen in der Medizin und der Bevölkerung wurden in ihrer Bedeutung für die Ausbildung einer eigenständigen Therapie chronischer Schmerzen berücksichtigt (Verhältnis von Psyche und Körper).

 

In geplanten neuen Projekten soll der Zusammenhang der Encephalitis lethargica-Epidemie der 1920er Jahre mit der Grippe untersucht werden unter der Fragestellung, wie die Pathologie des Schlafs, die bei der Krankheitsbezeichnung namensgebend war, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in wissenschaftliche Erklärungsmuster integriert wurde. Insbesondere die sogenannte Spanische Grippe der Jahre 1918-20 führte häufig zu Fällen von akutem Lungenversagen. Die Entwicklung einer extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) ist viel späteren Datums. Die Frage, welche Bedingungen gegeben sein mußten, damit die Entwicklung von ECMO auf die Tagesordnung gelangen konnte, soll in einem zweiten Projekt behandelt werden. Schließlich soll die Forschung zur Geschichte der Schmerztherapie intensiviert werden, indem Modelle des Schmerzes in der Schmerztherapie mit denen der Hypnose (des Schlafs) in der Anästhesiologie abgeglichen und ihre Beziehungen zueinander analysiert werden.

Kontakt

PD Dr. med. Wilfried Witte | Oberarzt | t: +49 30 450 551 525

Forschungsdatenbank

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